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Falscher Hase

Als Spionin bei den Spitzenköchen

Ruth Reichl

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Artikel-Nr.:11739611

ISBN:978-344237132-7

Erschienen:11/2008

Aus der ReiheBlanvalet Taschenbuch

Band:Nr.37132

Erschienen beiBlanvalet

Gewicht:295g

Seitenanzahl:379

Rezension

»Mal höllisch scharf, mal zuckersüß und mit viel frechem Biss!« Kirkus Reviews

Exzerpt

Die Spezialität des Tages
Wollen Sie das etwa essen?" Die Frau beäugt das Tablett, das die Stewardess gerade vor mich hingestellt hat. Ich weiß nicht, ob sie von mir nur die Versicherung hören will, dass ich es genauso eklig finde wie sie, oder ob sie einfach Hunger hat und hofft, dass ich ihr mein Essen überlasse. Ich löse meinen Gurt, wende mich in dem schmalen Sitz zu ihr und sehe, dass sie mich herausfordernd anblickt.
Vom Tablett steigt unappetitlicher Dampf auf: ein matschiges, braunes, viereckiges Stück Fleisch, umgeben von Kartoffelpampe, die vielleicht letztes Jahr zerdrückt worden ist. Die runzeligen grauen Erbsen sehen so aus, als stammten sie aus dem Teströhrchen eines Labors. Die Brötchen sind von einem so unirdischen Mondgelb, dass ich ihre Kälte schon spüren kann, bevor ich noch die Finger danach ausgestreckt habe. Der Kopfsalat hat braune Ränder, und die Tomaten sind so müde, dass ihr natürliches Rot aus ihren Backen gewichen ist. Das Dressing in der kleinen Schale starrt mich giftig orange an. Ich starre zurück.
"Nein!", sagt die Frau, "das werden Sie nicht essen. Nicht unsere kleine Ruthie!" Triumphierend schnappt sie sich das Brötchen von meinem Teller. "Ihre Butter hätte ich auch gerne", sagt sie und streckt schon die Hand danach aus.
Ich packe sie am Handgelenk. "Kenne ich Sie?", frage ich. Sie grinst rätselhaft, und ich stelle fest, dass sie eine Lücke zwischen den Schneidezähnen hat. Sie ist blond und auf eine schlampige Art attraktiv; einen Moment frage ich mich, ob sie vielleicht Lauren Hutton ist. Aber wie sollte Lauren Hutton hierhergekommen sein, eingeklemmt in der Economy Class und gerade dabei, mein Brötchen zu stehlen?
"Nein", erwidert sie und entzieht mir ihre Hand. Sie schnappt sich die Butter. "Aber ich kenne Sie. Ich weiß sogar, warum Sie in diesem Flugzeug sind."
"Ach ja?", sage ich dümmlich. Sie hat das Brötchen schon heruntergeschlungen, und ihr Blick ruht begehrlich auf dem zweifelhaften Stück Fleisch. "Bitte", sage ich. "Bedienen Sie sich." Sie greift nach dem Teller.
"Ich habe sowieso nicht geglaubt, dass Sie dieses Zeug essen würden", sagt sie. "Ehrlich gesagt, wäre ich enttäuscht gewesen, wenn Sie es getan hätten."
"Für wen halten Sie mich denn?"
"Ach, Süße", erwidert sie, wobei sie das S wegen der Zahnlücke zischt. "Ich weiß, wer Sie sind. Und Sie würden mir einen großen Gefallen tun, wenn Sie mir sagen würden, wo Sie in New York nach der Landung essen gehen wollen."
"Wovon reden Sie um Himmels willen?" Jetzt bin ich wirklich verblüfft. Sie hat die Proteine in sich hineingestopft, die Erbsen liegen lassen und betrachtet jetzt aus ihren hellblauen Augen sehnsüchtig den traurigen Salat. "Hier, nehmen Sie ihn", sage ich und halte ihr den Teller entgegen.
"Überall in New York stolpert man über Ihr Bild", sagt sie. "Noch sind Sie zwar die Restaurantkritikerin der Los Angeles Times, aber Sie sind drauf und dran, die wichtigste Restaurantkritikerin der Welt zu werden. Sie fangen bei der New York Times am ..." Sie hält einen Moment inne und rechnet nach. "... am Freitag, dem dritten September, an." Sie spießt das letzte Blatt Salat auf und fügt hinzu: "In jedem Restaurant der Stadt hängt Ihr Foto am Schwarzen Brett, neben den Tagesgerichten."
"Das ist nicht Ihr Ernst!", sage ich fassungslos.
Sie nickt so heftig mit dem Kopf, dass ihr ihre blonden Haare ins Gesicht fallen. Als sie eine Strähne zur Seite schiebt, stelle ich fest, dass sie ein schmales Glitzerarmband trägt, auf dem der Name "Jackie" in Strasssteinen steht. Ihr knallroter Nagellack ist abgeblättert, und ihre muskulösen Arme sehen so aus, als hätte sie ein Leben lang schwere Tabletts gestemmt. "Doch! Das Restaurant, in dem ich arbeite, ist zwar nicht das beste der Welt, aber mein Boss hat fünfhundert Riesen ausgesetzt, wenn jemand Sie sieht. Vergessen Sie die Anonymität. Eine gute Besprechung in der New York Times ist Tausende wert." Sie überlegt einen Moment lang

Beschreibung

Als Undercover-Mission in den Spitzenrestaurants New Yorks

Die höchst amüsanten Koch-Memoiren von Ruth Reichl, dem berühmtesten "Falschen Hasen" (verkleideter Küchenspion) unter den Restaurantkritikern der Welt.

Ruth Reichl war Restaurantkritikerin der NEW YORK TIMES - und als solche bekannt wie ein bunter Hund. Was aber tun, wenn Anonymität das A und O der Arbeit ist, das eigene Foto jedoch als Steckbrief in jedem Gourmettempel hängt? Gute Tarnung ist alles. Ob als ihre eigene Mutter verkleidet oder als die Leibhaftige und Gefürchtetste aller Gourmet-Kritiker: In den Kolumnen der "Queen of Cuisine" ("The Observer") bekamen selbst Spitzenköche ihr Fett weg. Das Sahnehäubchen unter den Koch-Memoiren - mit vielen tollen Rezepten zum unkomplizierten Nachkochen!

Autoren-Info:

Ruth Reichl

Ruth Reichl ist Chefredakteurin von "Gourmet" und hat mehrere Bestseller zum Thema Essen und Trinken veröffentlicht. Lange Jahre war sie als Restaurantkritikerin für die Los Angeles Times und die New York Times unterwegs. Ruth Reichl lebt mit Mann und Sohn in New York.

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